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„Wo ist das Wasser hin?“

Montag, 13. Juli 2026

Bitte nicht weiterlesen, wenn Sie an Zauberei glauben – silver plastics aus Troisdorf beherrscht die Kunst der „Kohäsion“

Blick in die Produktionshalle von silver Plastics in Oberlar

Was Marketing-Manager Dustin Eich von silver plastics in seinem Büro dem Redakteur vorführt, grenzt – man muss es einfach sagen – an Zauberei: Er präsentiert ein neues Produkt von silver plastics – Capirella! Was aussieht wie eine durchsichtige Kunststoffschale im Format DIN A 5 ist in Wirklichkeit eine Schale zur Verpackung von Lebensmitteln; genauer: Fleisch. Bisher sehen solche Verpackungen ähnlich aus: Eine Schale, die auf dem Boden ein kleines Vlies besitzt, was abtropfendes Blut und Säfte auffangen soll, damit es im Supermarkt ansprechend aussieht und sich am Boden keine unschönen Pfützen bilden. Die Schale wird mit einer Folie verschlossen, damit keine Luft an das Fleisch kommt und es nicht verdirbt. So weit so gut und bekannt. Neu ist bei Capirella, was sich ein wenig wie eine Prinzessin aus einem Animationsfilm anhört, die Zusammensetzung.

So sieht das Vorprodukt der Schalen aus: eine mit Luft gefüllte Kunststoff-Tüte, aus denen später die Schalen tiefgezogen werden

Die Schale besteht vollständig aus PET, einem Material, das auch für Getränkeflaschen verwendet wird und sich hervorragend recyceln lässt. Auch die Folie, die die Schale verschließt, besteht aus PET und wird durch eine clevere technische mit der Schale verbunden, ohne dass Klebstoff notwendig ist. Und das Vlies? Es fehlt völlig! Somit besteht die gesamte Verpackung mit allen Einzelteilen aus PET und kann so, wie sie in den Wertstoffsack kommt, recycelt werden, ohne dass andere Stoffe herausgenommen werden müssen. „Einstofflösung“ nennen das die Recycling-Experten, perfekt zu recyceln.

 

Aber wo wird die Flüssigkeit aufgefangen, wenn es kein Vlies am Boden gibt?

Nun kommt der Clou: Dustin Eich nimmt die Schale und gießt etwas Wasser, das er auf seinem Schreibtisch stehen hat, in die Schale. Er schwenkt die Schale kurz hin und her – und das Wasser verschwindet! Wo ist es hin? Dustin Eich lächelt: „Es ist immer noch da, nur schlecht sichtbar“. Dann dreht er die Schale um, Öffnung nach unten. Im Zirkus würde jetzt der Trommelwirbel kommen. Doch kein Wasser läuft aus der Schale. Die Zuschauer sitzen sprachlos da und warten auf den Zauberspruch. „Keine Zauberei“, sagt der Marketing-Manager. Er steht auf, geht zu einer Zimmerpflanze, klopft die Schale gegen die kleine Palme und – kaum zu glauben, nun läuft das Wasser aus der Schale. Erneut Trommelwirbel!

Wozu ein kleiner bebrillter Zauberlehrling aus England ein Semester brauchen würde, hat silver plastics mit Physik gelöst: Oberflächenspannung (Kohäsion)!

Der Boden der Capirella-Schale ist auf eine sehr pfiffige Weise strukturiert. Die Vertiefungen nehmen das Wasser auf und halten es fest. Grund ist der Zusammenhalt der Moleküle. Im Inneren einer Flüssigkeit ziehen sich die Moleküle in alle Richtungen gleich stark an. Nach oben fehlen jedoch die „Nachbarn“ der Flüssigkeitsteilchen. Deshalb werden die Moleküle nur nach innen und zur Seite gezogen werden. Es entsteht eine nach innen gerichtete Kraft, die sogenannte Oberflächenspannung. Dies sorgt auch dafür, dass Mücken auf dem Wasser landen können.

Der neueste Teil der Anlage – die modernste ihrer Art in Europa

Der Klaps gegen die Palme zerstört diese Anziehungskraft, die Oberflächenspannung löst sich auf und die Schale gibt das Wasser wieder frei.

Mit Capirella hat silver plastics eine Fleischschale aus PET entwickelt, die aufgrund einer patentierten Struktur am Siegelrand, ohne Bindemittel wie Klebstoff oder adaptive Kunststoffe, einen sicheren Verschluss ermöglicht und aufgrund der Kapillarstruktur in der Bodengeometrie völlig auf Saugeinlagen verzichten kann. Diese Schale besteht aus bis zu 100 % recyceltem PET und soll wiederum zu 100% recycelt werden, um nicht mehr Rohstoffe zu verwenden, als es unbedingt notwendig ist.

Diese Idee fand die Metropolregion Rheinland e. V. so genial, dass sie die ersten Muster der Capirella-Schale 2021 mit dem „Innovationsaward für Nachhaltigkeit“ auszeichnete. Troisdorfs Bürgermeister Alexander Bieber und Landrat Sebastian Schuster gratulierten damals dem Unternehmen: „Gut, dass wir solch zukunftsorientierte Unternehmen im Rhein-Sieg-Kreis haben“ Sowohl Alexander Bieber als auch Troisdorfs Wirtschaftsförderer Alexander Miller hoben hervor: „Der Standort Troisdorf ist mit der Geschichte der Kunststoffindustrie durch viele Innovationen eng verwoben.“

Die IHK Köln fand auf ihrem „Circular Economy Forum 2025“ die Idee sogar so überzeugend, dass sie gleich zweimal den zweiten Platz vergab – einer davon ging an silver plastics für Capirella.

1967 gegründet, produziert die Reifenhäuser-Tochtergesellschaft silver plastics GmbH & Co. KG heute auf etwa 56.000 Quadratmetern in Troisdorf-Oberlar an der Autobahn nach Köln mit rund 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern täglich rund 3,5 Millionen zertifizierter Verpackungen für die Lebensmittelindustrie.

Warum überhaupt Lebensmittel verpacken, geht es nicht auch ohne? Dazu beschreibt CEO (Markt) Sebastian Kremer das Idealbeispiel einer Verpackungslösung: die Banane. Ihre Verpackung, sprich: die Schale, umhüllt die Frucht ohne Hohlräume, sie zeigt den Grad der Haltbarkeit und ist neben einigen anderen Vorteilen obendrein noch kompostierbar.

Eine Lebensmittelverpackung für Belgien, andere Länder, andere Sitten (sprich: Farben)

Ein Verpackungshersteller wie silver plastics versucht diesem Vorbild zu folgen und muss darüber hinaus noch weitere Kriterien beachten. So soll die moderne Lebensmittelverpackung einfach zu handhaben sein, sie muss sich gut stapeln und transportieren lassen und Werbung muss auch noch drauf. Außerdem sind Lebensmittel wertvoll, nicht nur wegen ihrer pflanzlichen oder tierischen Herkunft und ethischen Gesichtspunkten.

Bei der Produktion von nur einem Kilogramm Rindfleisch entstehen 14 bis 30 kg des Treibhausgases CO2 (Kohlendioxid). Wenn das Rindfleisch schlecht wird, fallen zusätzlich 1,4 bis 3,5 kg Methan an, was etwa 20-mal klimawirksamer als Kohlendioxid ist.

Dustin Eich zeigt den Boden der Verpackung „Capirella“

Wer nicht auf Fleisch verzichten möchte, sollte es daher gut verpackt konsumieren und später ganz aufessen (und nicht wegwerfen). Vergleich: Ein fahrender Pkw produziert auf einer Strecke von etwa einem Kilometer rund 185 Gramm CO2.